Raumwissenschaftliches Kolloquium 2011 der 4R-Einrichtungen
Kulturlandschaften: Gestaltung versus Trivialisierung
Foto:Plenum (Foto: Peter Müller, ARL) In Deutschland gilt die „Kulturlandschaft“ als wertvoll, und andere Formen von Landschaft gibt es hierzulande ohnehin nicht. Doch was genau charakterisiert diese? Statt eines goldenen Standards finden sich viele Definitionen. Dieser Widerspruch stand im Mittelpunkt eines Kolloquiums des Netzwerkes der raumwissenschaftlichen Institute der Leibniz-Gemeinschaft (4R+) in Berlin. Prof. Bernhard Heinrichs, der Präsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung unterstrich in seiner Moderation die Dringlichkeit des Themas. Besucher aus ganz Deutschland diskutierten über die Frage, wie Kulturlandschaften geschützt und entwickelt werden können.
Foto:Podiumsdiskussion (Foto: Peter Müller, ARL) „Das Land beginnt meist da, wo das erste Möbelhaus steht“. Das Elke-Heidenreich-Zitat spiegelt die volkstümliche Sicht auf das Thema. Doch gleichzeitig lohnt der wissenschaftliche Blick. Wirtschaftliche Expansionen – für erneuerbare Energien, Siedlungen, Gewerbegebiete – verschlingen permanent Land. Am Beginn und Ende von Bergbau-Aktivitäten werden Landschaften neu „erfunden“. Aus sozialer Sicht ändert sich unentwegt das Verhältnis der Menschen zu „ihrer Heimat“ und „ihrer Landschaft“: beides bedeutet Identität, und die „heile“ Landschaft des 18. Jahrhunderts dient Vielen noch immer als Sinnbild unzerstörter Natur. Keineswegs grundlos erfreut sich das Magazin „Landlust“, ein Monatsheft über das Leben auf dem Lande, gewaltiger Zuwächse und erreicht beinahe die Auflagenhöhe des „Sterns“.
Foto:Prof.
Bernhard Müller, IÖR (Foto: Peter Müller, AR)L Doch einerseits: die Idylle schrumpft. Allein während der sechs Stunden der Tagung wird eine Fläche von der Größe des Berliner Zoos zu Siedlungsfläche umgewandelt sein, rechnete Professor Bernhard Müller, Direktor des Leibniz-Institutes für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden, in seinem Grußwort auf. Kein Ende ist in Sicht. Auf der anderen Seite prägen Massentierhaltung und industrielle Pflanzenproduktion moderne Landschaften; der FAZ-Redakteur Tobias Rüther beschrieb es zu Beginn in seinem Reiseessay ins „Land des Dioxin-Skandals“: deprimierende Eindrücke aus einer zersiedelten Welt mit planerischem Einheitsbrei statt „Stadt und Land“.
Foto:Tobias Rüther, FAZ (Foto: Peter Müller, ARL)
Wie also kann es weiter gehen? „Der Gesetzgeber gibt keine Antwort darauf“, beklagte Prof. Winfried Schenk (Universität Bonn) und nahm Verantwortliche für diffuse Gesetze indirekt die Pflicht. Auch die Umsetzung der Europäischen Kulturlandschaftskonvention (ELK), die Bezüge zur Dynamik des Wandels herstellen soll, würde neue Formen regionaler Governance fordern. Die Vorzüge eines unbestimmten Begriffes von Kulturlandschaft lobte er hingegen und gab Zuhörern auf den Weg: „Arbeiten Sie in Ihrer Region damit, wie Sie es brauchen. Der Begriff gibt es her.“ In einem war er sicher: „Der alte Kulturlandschaftsbegriff trägt die aktuellen Tendenzen nicht mehr. “ (Präsentation PDF 3,3 MB)
Foto:Plenum (Foto: Peter Müller, ARL) „Der konkrete Raum besitzt angesichts des Lebens und Arbeitens im Digitalen immer weniger Bedeutung“, gab Regierungsdirektor Hanno Osenberg aus dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung zu bedenken und stützte damit die These von der Vergänglichkeit althergebrachter Begriffe. „Als Tourist in der Raumplanung“, wie er selbst sagte, plädierte der FAZ-Redakteur Rüther, Bedürfnissen nach „Heimat“ bei der Planung mehr Beachtung zu schenken. Andere Diskutierende lehnten einen weit gefassten Kulturlandschaftsbegriff ab, weil „es zu einem Verlust an Ordnung“ führe. Prof. Heiderose Kilper, Direktorin des Leibniz-Institutes für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) verteidigte dagegen offene Formulierungen als notwendig.
Parallele Arbeitsforen drangen tiefer in die Thematik ein: Dr. Sabine Tzschaschel vom Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) diskutierte „Kulturlandschaften als Identitäts- und Handlungsräume“ (PDF 1,1 MB), Dr. Monika Micheel aus dem selben Haus und Wera Wojtkiewicz von der TU Berlin arbeiteten Gemeinsames und Unterschiedliches im Landschaftsverständnis in Alltag und Planung (PDF 572 kB) heraus. Dr. Markus Leibenath vom IÖR erörtere die Rolle von Diskursen in dem Themenfeld (PDF 900 kB). Im Saal nebenan sprach Prof. Catrin Schmidt von der TU Dresden über „Suburbane Räume als Kulturlandschaften“ (PDF 7,1 MB) und bei Prof. Axel Priebs von der Akademie für Raumforschung Hannover (ARL) stand die „Regionalplanung als Instrument der Qualifizierung suburbaner Kulturlandschaften“ (PDF 2 MB) auf der Agenda. Dr. Reimar Molitor rundete mit seinem Bericht über die „Regionale 2010 – Kulturlandschaften in der Region Köln/Bonn“ (PDF 7,4 MB) das Forum ab .
Markante Aufgaben und Herausforderungen leiten sich aus den diskutierten Fragen ab, resümierte Prof. Kilper. Ein multidisziplinärer Zugang, der sowohl ein Raumverständnis unter der Prämisse vom „Raum als physischen Teil der Erdoberfläche“ als auch die soziale und gesellschaftliche Sicht auf Raum einschließt, kann nach ihrer Ansicht hier Gegensätze entschärfen. Dies setze voraus, dass einerseits die Sozialwissenschaftler sich wieder der Materialität des Raumes zuwenden, und andererseits Ökologen, Kulturhistoriker und historische Geographen sich der sozialen Konstruktion ihrer Untersuchungsgegenstände bewusster werden. Die Gestaltung von Kulturlandschaftsgestaltung ist Prof. Kilper zufolge eine politische Querschnittsaufgabe. Diese aber sei aber keine technokratische, ausschließlich mit Mitteln der formellen Planung zu bewerkstelligende Aufgabe. Es gelte, neue Forschungsperspektiven zu entwickeln.
Kulturlandschaften sind gesellschaftliche Konstrukte mit physisch-materieller Basis, lässt sich zusammenfassen. Eine gelungene Gestaltung von Kulturlandschaften bedarf daher der Zusammenarbeit sehr unterschiedlicher Wissenschaftsrichtungen. Die Botschaft des Forums war eindeutig: Kulturlandschaften sind ein äußerst dynamischer Forschungsgegenstand. (KT)
Veranstaltungsflyer mit Programm (PDF 1,5 MB)
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21.05.2012