Raumwissenschaftliches Kolloquium 2009 der 4R-Einrichtungen
Innere und äußere Grenzen Europas
Leben wir heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in einer borderless world? Welche Bedeutung haben angesichts weit reichender Effekte der ökonomischen Globalisierung Grenzen zwischen Staaten in Europa in der heutigen Zeit? Welche Diskurse um Grenzen stehen derzeit im Vordergrund und welchen Beitrag leisten die raumbezogenen Wissenschaften? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Raumwissenschaftlichen Kolloquiums 2009 der 4R-Einrichtungen am 5. Februar 2009 in Berlin.
Das bereits zum dritten Mal veranstaltete Kolloquium fand in den Räumen der Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund in Berlin statt – einen Steinwurf entfernt von Potsdamer Platz und Brandenburger Tor. Gibt es einen geeigneteren Ort in Berlin, um über das Thema "Grenzen" zu diskutieren, als das Viertel, das sich zwischen Ost und West auf dem ehemaligen Grenzstreifen entwickelt hat? Wohl kaum! Die hohe Symbolik des Konferenzortes zeigt bereits einiges von der Bedeutungsverschiebung des Begriffs "Grenzen". Und in den Vorträgen und Diskussionen des Tages wurde deutlich, dass sich die Bedeutung nicht nur in zeitlicher, sondern auch in räumlicher Hinsicht verschoben hat. Die frühere deutsch-deutsche Grenze beispielsweise markiert heute den Übergang zwischen zwei Bundesländern und wird als solche kaum mehr wahrgenommen. Anders sieht es aber an den neuen EU-Außengrenzen im Osten Europas aus, die aufgrund der Unterzeichnung des Schengener Abkommens den Charakter einer security border erlangt haben und an denen sich die Bedingungen für Interaktionen über die Grenze hinweg erheblich verändert haben.
Plenumsvorträge
Grafik: Plenum]
Nach Grußworten von Ministerialdirigent Gerhard Ringmann von der Staatskanzlei des Landes Brandenburg, von der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaats Sachsen, Dr. Eva-Maria Stange, sowie vom amtierenden Sprecher des 4R-Netzwerks, Prof. Dr. Sebastian Lentz vom Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig, skizzierten drei Referenten die gegenwärtigen politischen und planerischen Rahmenbedingungen sowie den Stand der Grenzraumforschung in den raumbezogenen Wissenschaften. Der frühere deutsche Botschafter Christian D. Falkowski beleuchtete die Europäische Nachbarschaftspolitik unter den Prämissen Kooperation und Sicherheit und machte deutlich, dass sich diese Politik zwar regional differenziert gestalten sollte, jedoch immer die konstruktive und Frieden sichernde weitere Entwicklung der jeweiligen nachbarschaftlichen Beziehungen als Ziel vorgeben müsse. Eric von Breska von der DG Regio bei der Europäischen Kommission referierte über "Territorialen Zusammenhalt und territoriale Kooperation in der Europäischen Kohäsionspolitik". Er thematisierte die Gründe dafür, dass sich die EU in die Förderung von Grenzregionen einmischen sollte und einmischt, und richtete seinen Blick auch auf die neue Förderperiode der EU nach 2013. Schließlich vervollständigte Prof. Dr. David Newman von der Ben-Gurion-Universität des Negev in Israel das Bild mit seinen Ausführungen zum Thema "The Significance of Borders in our 'Borderless' World". Die in Wissenschaft und Praxis vor allem in den 1990er Jahren verwendeten Schlagworte einer grenzenlosen Gesellschaft und Deterritorialisierung hätten heute ihre Bedeutung verloren. Im Gegenteil – Grenzen zwischen Staaten existieren weiterhin und werden sogar, beispielsweise in der Folge der Ereignisse am 11. September 2001, wieder bewusster in den Vordergrund geopolitischer Diskussionen gerückt. Diesen Diskurs des Bedeutungswandels von Grenzen in den letzten Jahren skizzierte David Newman eindrucksvoll. Er lieferte damit einen guten konzeptionellen Rahmen für die Vorträge in den beiden parallelen Arbeitsforen am Nachmittag.
Arbeitsforen
Die beiden Arbeitsforen widmeten sich den Binnen- und den Außengrenzen in Europa. Karl-Heinz Hoffmann-Bohner, Verbandsdirektor des Regionalverbandes Hochrhein-Bodensee und Ordentliches Mitglied der ARL, referierte aus der Praxis der grenzüberschreitenden Raumentwicklung und -planung im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet am Hochrhein. Er zeigte neben den Chancen einer solchen Planung aber auch ihre Schattenseiten, die beispielsweise in einer Strategie der Nicht-Thematisierung von Konflikten gesehen werden können. Dr. Gerold Janssen vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden stellte in seinem Vortrag die neuen Europäischen Verbünde für territoriale Zusammenarbeit vor, die 2006 eingeführt wurden, vor allem um die territoriale Zusammenarbeit in Europa zu verbessern.
Im Arbeitsforum "Außengrenzen" wurde über zwei Forschungsprojekte an den östlichen Rändern der EU berichtet. János Büchner vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner stellte erste Ergebnisse einer Studie zu grenzübergreifender Kooperation und der Rolle der Zivilgesellschaft vor. Dabei wurde das Potenzial zivilgesellschaftlicher Akteure, vor allem von Nichtregierungsorganisationen, für die Stärkung politischer, sozio-kultureller und wirtschaftlicher Kooperation innerhalb erweiterter europäischer Nachbarschaften untersucht. Kristine Müller vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung und Dr. Judith Miggelbrink vom Leibniz-Institut für Länderkunde berichteten über "Strategien von Kleinhändlern und Kleinunternehmern an der Außengrenze der Europäischen Union". Sie stellten einige Beispiele grenzüberschreitender Praktiken von verschiedenen Abschnitten der östlichen EU-Außengrenze vor und zeigten die heterogenen Einflussmöglichkeiten, über die die verschiedenen Akteure im Umgang mit dem jeweiligen Grenzregime verfügen.
Die Vorträge des Nachmittags wurden schließlich von Dr. Engelbert Lütke Daldrup, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, abgerundet. In seinem Schlusswort betonte Prof. Dr. Sebastian Lentz nochmals die nach wie vor große, wenn auch gewandelte Bedeutung von Grenzen. Es ist deutlich geworden, dass sich ihre Durchlässigkeit und Wahrnehmung zumeist verbessert haben, dass der Umgang mit ihnen und das Leben an ihnen vielfältiger geworden sind. Die Vorträge des Kolloquiums lassen, so Lentz, sogar den Schluss zu, Grenzen künftig als "Möglichkeitsgeneratoren" zu sehen.
Andreas Klee, ARL
E-Mail: Klee@ARL-net.de
© 2006-2009 4R-Netzwerk
Diese Datei wurde zuletzt geändert am:
27.08.2009