Konstituierung von Kulturlandschaft (KULAKon)

Gailing, L., S. Heiland, H. Kilper, M. Leibenath und S. Tzschaschel (2007)

Ziel des Projektverbunds ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Frage, wie Kulturlandschaft konstituiert wird, indem die Teilprojekte Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse, Diskurse, kulturelle Kodierungen sowie akteurs- und institutionenbezogene sektorale Leitbilder und Steuerungsansätze interdisziplinär untersuchen.


Kulturlandschaftsverständnis

Der zentrale Gegenstand des Forschungsvorhabens ist Kulturlandschaft. Die Begriffe Landschaft und Kulturlandschaft sowie daraus abgeleitete Komposita werden synonym verwendet. Denn erstens gibt es (in einem physisch-materiellen Verständnis von Landschaft) Naturlandschaften im Sinne vom Menschen unberührter Ausschnitte der Erdoberfläche faktisch nicht mehr. Zweitens ist aus konstruktivistischer Perspektive jegliche Landschaft ein kulturell und subjektiv bestimmtes Wahrnehmungs- und Bewertungsobjekt und damit per se Kulturlandschaft. Eine wesentliche Komponente dieses Kulturlandschaftsverständnisses ist damit der Akteursbezug. Denn Akteure konstituieren Kulturlandschaft, indem sie bestimmte Räume als Kulturlandschaft ansprechen oder gestalten und dabei Werturteile fällen, die individuell und kulturell bestimmt sind.

Kulturlandschaft kann aus sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen, alltagsweltlichen und anwendungsorientierten Perspektiven betrachtet werden, beispielsweise:

Im Rahmen des Vorhabens wird keine einheitliche, letztgültige und von allen relevanten Akteuren und Disziplinen akzeptierte Definition von Landschaft beziehungsweise Kulturlandschaft angestrebt. Dies wäre ein Unterfangen, das angesichts der historischen Genese der Begriffe und damit verbundener unterschiedlicher Sichtweisen und Bewertungen nicht angemessen erscheint. Die Teilprojekte gehen in ihren Forschungsansätzen von den letzten beiden der oben genannten PerspektiveIm Rahmen des Vorhabens wird keine einheitliche, letztgültige und von allen relevanten Akteuren und Disziplinen akzeptierte Definition von Landschaft beziehungsweise Kulturlandschaft angestrebt. Dies wäre ein Unterfangen, das angesichts der historischen Genese der Begriffe und damit verbundener unterschiedlicher Sichtweisen und Bewertungen nicht angemessen erscheint. Die Teilprojekte gehen in ihren Forschungsansätzen von den letzten beiden der oben genannten Perspektiven aus. Von diesen Perspektiven aus werden jedoch auch andere Kulturlandschaftsverständnisse reflexiv aufgegriffen. n aus. Von diesen Perspektiven aus werden jedoch auch andere Kulturlandschaftsverständnisse reflexiv aufgegriffen.

Konstituierung von Kulturlandschaft

Mit dem Begriff Konstituierung wird zum Ausdruck gebracht, dass das Ansprechen eines Raumausschnittes als Kulturlandschaft ein subjektiv und gesellschaftlich-kulturell bestimmter Prozess ist. Er erfolgt auf den miteinander korrespondierenden Prozess-Ebenen der individuellen Identifikation mit Kulturlandschaft sowie der sozialen (gesellschaftlich-kulturellen) Kodierung von Kulturlandschaft. In diesem Prozess von semantischen Bedeutungszuweisungen und Symbolbelegungen kulturell-gesellschaftlicher Art (Kodierungen) und von individuellen Identifikationen wird Kulturlandschaft zu einem Wahrnehmungs- wie auch zu einem Handlungsraum (vgl. Abb. 1).

 

Ziele des Projektverbunds KULAKon

Über die gebündelten Teilprojekte wird angestrebt, aus dem großen Spektrum möglicher Ansätze und Fachdisziplinen einige wesentliche herauszugreifen und auf Basis der Ergebnisse dieser Einzeluntersuchungen in einer disziplinenübergreifenden Betrachtung sowohl verallgemeinerbare Aussagen als auch Ansätze für die weitere Hypothesenbildung abzuleiten.

Durch die erstmalige Zusammenführung verschiedener sozialwissenschaftlicher, geographischer und planerischer Disziplinen und Forschungsansätze sollen Prinzipien der Konstituierung von Kulturlandschaft herausgearbeitet werden und ihre Verankerung im Alltagshandeln sowie in Steuerungsansätzen bestimmt werden, die sich auf den gesellschaftlichen Umgang mit und die Inwertsetzung von Kulturlandschaft auswirken. Dieser grundlagenorientierte Ansatz dient letztlich auch der Erarbeitung von Orientierungswissen für anwendungsorientierte Disziplinen, die sich dem Thema der Kulturlandschaftsentwicklung stellen müssen (u. a. Raumordnung und Landesplanung, Landschaftsplanung und Naturschutz, Denkmalpflege).

Gemeinsame Untersuchungsfragen sind:

  1. Wie wird Kulturlandschaft konstituiert und welche Prozesse, Prinzipien sowie akteurs- und institutionenbezogenen Aspekte spielen dabei eine Rolle?
  2. Wie wirken sich grundlegende Prozesse der Konstituierung von Kulturlandschaft (Bewertungs- und Vermittlungsprozesse, kulturelle Kodierungen sowie sektorale Perspektiven und Leitbilder) auf kulturlandschaftsbezogenes Alltags-, Steuerungs- und Kooperationshandeln aus?
  3. Wie und warum bilden sich welche Verständnisse und Bewertungen von Kulturlandschaft bei unterschiedlichen Akteuren und in unterschiedlichen institutionellen Kontexten heraus?
  4. Welche Konsequenzen lassen sich aus den Ergebnissen für die Praxis im Umgang mit Kulturlandschaft ziehen?


Die Teilprojekte

Der Projektverbund bezieht seinen Mehrwert insbesondere aus der Bündelung bestehender, vorwiegend sektoral und disziplinär ausgerichteter Ansätze der Kulturlandschaftsforschung und ihrer innovativen Weiterentwicklung durch die jeweiligen Teilprojekte. Die folgende Übersicht verdeutlicht, welche innovativen Perspektiven – ohne damit Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen – in einer gemeinsamen Projektlogik zusammengeführt werden:


Dr. Sabine Tzschaschel, IfL: „Subjektive Konstruktion von Kulturlandschaft in der Alltagspraxis“ (KULAKon „Subjektive Konstruktion“): Verbindung der sozialgeographischen Kulturlandschaftsforschung mit einem handlungstheoretischen Ansatz. Mit dem Projekt wird die Frage verfolgt, wie individuelle Bedeutungszuschreibungen auf Kulturlandschaften vorgenommen werden, d.h. wie der einzelne Betrachter der jeweiligen Kulturlandschaft ähnlichen oder gleichen „Sinn“ zuschreibt. Die empirische Untersuchung zielt auf die Erfassung von Landschaftsvorstellungen, die funktionale und emotionale Bedürfnisse der Bevölkerung gleichermaßen berücksichtigen, um zu vertieften Aussagen zu konstituierenden Elementen der gesellschaftlichen Aushandlung von Kulturlandschaft zu gelangen. Dabei wird raumtypologisch auf solche Formen der Kulturlandschaft fokussiert, die gravierenden Funktions- und Nutzungsänderungen unterliegen, da davon ausgegangen wird, dass Wahrnehmungen und Bedeutungszuschreibungen besonders virulent werden, wenn sie die Alltagspraxis des Individuums berühren.


Dr. Markus Leibenath, IÖR: „Konstituierung von Kulturlandschaft durch Diskurse und Diskurskoalitionen“ (KULAKon „Diskurse“): Anwendung von Ansätzen der wissenssoziologischen Diskursforschung auf die Raum- und Umweltwissenschaften. Ziel des Vorhabens ist es zu untersuchen, wie „Kulturlandschaft“ als Kommunikat über konflikthafte Diskurse konstituiert wird. Zunächst soll die diskursive Konstituierung von „Kulturlandschaft“ in großflächigen politischen und wissenschaftlichen (Kultur-) Landschaftsdiskursen analysiert werden. Dabei gilt es, die wesentlichen Diskursstränge (Topoi / story lines / normative Landschaftsbegriffe) herauszuarbeiten. Auf dieser Grundlage sollen in einem zweiten Schritt diskursive Auseinandersetzungen um „(Kultur-) Landschaft“ auf lokaler / regionaler Ebene anhand weniger ausgewählter Fälle untersucht werden. Hier richtet sich das Erkenntnisinteresse u. a. darauf, in welcher Form die zuvor ermittelten Diskursstränge lokal reproduziert und transformiert werden, welche Akteure und Diskurskoalitionen daran beteiligt sind und welche Machteffekte zu beobachten sind.


Prof. Dr. Heiderose Kilper, IRS: „Der Beitrag sektoraler Institutionensysteme zur Konstituierung von Kulturlandschaft und die Koordination der Interaktionsprozesse“ (KULAKon „Institutionen der Kulturlandschaft“): Erweiterung von Ansätzen der sozialwissenschaftlichen Institutionenforschung um raum- und landschaftsbezogene Steuerungs- und Governancetheorie. Das Vorhaben widmet sich der besonderen Relevanz und Wirkungsmächtigkeit sektoraler Institutionensysteme für die Konstituierung von Kulturlandschaft und für die Formulierung regionaler Politik- und Planungsansätze insbesondere zur Steuerung der sich aus der Multifunktionalität der Kulturlandschaft ergebenden Interaktionsnotwendigkeiten. Dabei stehen die inneren Systemlogiken sektoraler Institutionensysteme mit besonderer Relevanz für die Konstituierung von Kulturlandschaft mit ihren jeweiligen formellen und informellen Institutionen, z.B. gesetzlichen Regelungen, disziplinären Sichtweisen, im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Untersucht werden soll ihr Beitrag für die Konstituierung einzelner kulturlandschaftlicher Handlungsräume und für Formen kulturlandschaftsbezogener Steuerung und Governance.


Prof. Dr. Stefan Heiland, TU Berlin: „Kulturlandschaftsbilder in der Landschaftsplanung“ (KULAKon „Planerische Bilder“): Hermeneutische Analyse kommunaler Landschaftspläne auf Basis von Theorien der konstruktivistischen Raum- und Landschaftsforschung, mit dem Ziel diejenigen Kulturlandschaftsverständnisse bzw. Kulturlandschaftsbilder zu ermitteln, die durch die Landschaftsplanung produziert oder reproduziert werden. Damit soll der Beitrag der institutionalisierten Landschaftsplanung zur gesellschaftlichen Konstituierung von Landschaft ermittelt werden. Untersucht werden auch die Ursachen der Verwendung bestimmter Kulturlandschaftsbilder als Leitbilder der Landschaftsplanung sowie die Frage, ob und auf welche Weise dabei gesellschaftlich-strukturelle Rahmenbedingungen der Landschaftsentwicklung eine Rolle spielen, wie diese Rahmenbedingungen in Landschaftsplänen berücksichtigt werden.


Themenfeldbezogene Projektvernetzung

Die Teilprojekte sind mit unterschiedlichen Schwerpunkten an der Ermittlung zentraler Aspekte der Konstituierung von Kulturlandschaft entsprechend der Kategorien des oben erläuterten Konstituierungsmodells beteiligt (vgl. Abb. 1). Diese Kategorien werden über eine gezielte Projektvernetzung erschlossen. Die Verknüpfung zwischen den einzelnen Teilprojekten lässt sich exemplarisch an einigen Themenfeldern der nachfolgenden Tabelle (vgl. Abb. 2) ablesen.


Aufgrund des definierten Forschungsbedarfs und zur Klärung der gemeinsamen Untersuchungsfragen lassen sich folgende wesentliche Arbeitsschritte des Projektverbunds charakterisieren:

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Diese Datei wurde zuletzt geändert am: 16.09.2010